Hin und wieder wird man ja mal von
einem völlig abgewirtschafteten, obdachlosen Säufer um Geld
angebettelt. Bei dieser Gelegenheit entwickelt sich zuweilen
freiwillig oder unfreiwillig ein Gespräch. Auf die Frage, wie der
bedauernswerte Mensch in seine missliche Lage kam, bekommt man
erstaunlich oft die Antwort: Scheidung!
Nun sagt man immer gerne, dass Menschen
ihren Kummer mit Alkohol ertränken. Diese Redensart ist aber, wie wir
sehen werden, so nicht korrekt. Aber dennoch, der Schritt von einer
Trennung oder Scheidung hin zu einer Suchterkrankung ist ein sehr
kurzer. Über das Warum gibt der nachfolgende Beitrag Aufschluss.
Was ist Liebe?
Man kann sich dem Menschen, seinen
Eigenschaften und Verhaltensweisen auf vielen Arten nähern.
Interdisziplinär wie wir hier sind, nähern wir uns heute einmal auf
dem neuro- und biochemischen Feld.
Neuro- und biochemisch ist die Liebe,
vor allem die Verliebtheit, nichts Anderes als der Beschuss mit einem
Hormoncocktail. Die Forscher wissen nicht genau, was diese Reaktion
auslöst, aber über die biochemischen Prozesse des Verliebens und
der Liebe, weiß man sehr viel.
In der Phase des Verliebens sind eine
Vielzahl von Hormonen am Werke. Darunter sind Stresshormone
(Adrenalin und Cortisol), Sexualhormone (Testosteron bzw. Östrogen)
und, nennen wir sie einmal, Hormone für den besonderen Kick (Dopamin
und Phenylethylamin).
Der Cocktail dieser Hormone sorgt für
einen regelrechten Rauschzustand. Darüber hinaus gibt es noch andere
Nebenwirkungen wie erhöhtes sexuelles Verlangen und erhöhte
sexuelle Leistungsfähigkeit aber auch appetitzügelnde Wirkungen.
Dazu eine gewisse gedankliche Verengung und Verengung der
Wahrnehmung, die auch für die berühmte „rosarote Brille“
verantwortlich ist. Wer einmal verliebt war, dem brauche ich das ja
nicht zu erklären.
Dieser Hormoncocktail ebbt irgendwann
ab und wird durch andere Hormone ersetzt. Das sind insbesondere die
Bindungs- und Wohlfühlhormone Serotonin und Oxytocin. Oxytocin wird
auch gerne einmal etwas abfällig als „Kuschelhormon“ bezeichnet.
Diese Hormone sorgen dafür, dass wir uns mit dem Partner, der
Partnerin wohl und gut, geborgen, aufgehoben, verstanden fühlen und
sorgt auch dafür, dass wir in einer Beziehung treu sind, mehr oder
weniger.
Hormone sind wie Drogen
Manche würden sagen, dass Drogen wie
Hormone sind, aber eigentlich ist es genau anders herum. Hormone sind
sozusagen körpereigene Drogen, die vom Gehirn und in anderen Drüsen
produziert werden. Die meisten Drogen kurbeln die Produktion dieser
Hormone an oder sind chemisch ähnlich oder identisch mit diesen
Hormonen und haben die gleiche Wirkung.
Amphetamine beispielsweise sind im
Prinzip chemisch identisch mit dem „Verliebtheitshormon“
Phenylethylamin“. Amphetamine finden sich in Drogen wie Kokain,
Speed oder Methylamphetamin, auch bekannt als Crystal Meth.
Das „Suchthormon“ Dopamin
An allen Suchtprozessen oder
suchtähnlichen Prozessen ist das Hormon Dopamin beteiligt. Wann
immer es uns gut geht wird das Hormon Dopamin ausgeschüttet. Dopamin
wirkt auf das limbische System (das Gefühlszentrum im Gehirn) und
das Belohnungszentrum des Gehirns.
Wann immer wir etwas essen, Sex haben
oder einen Erfolg erleben, wird Dopamin ausgeschüttet und auch wenn
wir psychotrope Substanzen (vulgo Drogen) konsumieren. Auch wenn wir
einen Erfolg an der Playstation oder am einarmigen Banditen
verbuchen, wird Dopamin ausgeschüttet.
Kurz, alle Tätigkeiten, bei denen
Dopamin ausgeschüttet wird, machen wir sehr gerne und auch
(möglichst) immer wieder.
Liebeskummer = kalter Entzug
Also, warum wir uns in einer Beziehung
gut fühlen oder warum wir flammend verliebt sind, liegt an
Hormonen. Wenn die Beziehung endet oder vielleicht gar nicht erst
zustande kommt, dann werden die Hormone nicht mehr ausgeschüttet.
Das sorgt für einen Effekt, den wir
bei Drogensüchtigen oder andersartig Süchtigen Entzugserscheinungen
oder Entzug nennen. Neurochemisch betrachtet ist das identisch:
Trennungsschmerz, Liebeskummer, kalter Entzug. Das Gehirn muss damit
klar kommen, dass bestimmte Stoffe auf einmal fehlen.
Gerade für Väter ist das ein
besonders schlimmer Zustand, denn Kinder sorgen bei Vätern für
besonders viel Hormonausschüttungen, jedenfalls dann, wenn es eine
intensive Beziehung zu den Kindern oder dem Kind gab.
Die Trennung und der Suff
Bei einer Trennung schlagen also die
hormonellen Entzugserscheinungen voll durch. Die Hormone fehlen und
der Mensch/Vater versucht nun instinktiv diesen Verlust wieder
auszugleichen. An der Stelle landen wir dann bei Drogen und anderen
Suchtmustern.
Alkohol beispielsweise stimuliert die
Produktion von Serotonin. Das war eines dieser Wohlfühlhormone. Weil
das so ist, wird im Suff auch der noch so Fremde an der Bar
blitzschnell zu unserem besten Freund und Blutsbruder. So manche
Liebeserklärung und so manche Vergebung und milde Betrachtung von
diesem und jenem erfolgt im Suff. Wer es jetzt noch nicht wusste: Das
liegt am Serotonin. Hinzu kommt die Ausschüttung des "Suchthormons" Dopamin.
Der Alkohol, andere Drogen und anderes
Suchtverhalten sind nicht dazu da, den Kummer zu ertränken sondern
die Flasche Bier bringt uns wieder auf das Hormonniveau, dass wir in
der Beziehung und in der Nähe unserer Kinder hatten, damit wir uns
weiterhin gut fühlen.
Das wäre an sich nicht so schlimm,
aber leider hat unser Gehirn die Eigenschaft, sich gegen den
Überfluss von Hormonen oder hormonähnlichen, psychotropen, Stoffen
abzuschotten. Das hat zur Folge, dass für den gleichen Effekt immer
mehr und immer öfter, beispielsweise, getrunken werden muss. Am Ende
dises Prozesses geht es nicht mehr darum, dass man sich gut fühlt
sondern darum, dass man sich nicht mehr schlecht fühlt. An dem Punkt
nennt man es dann Sucht oder Abhängigkeit.
Entscheidungen auf „Cold Turkey“
Bedauerlicher Weise ist es so, dass bei
Trennungen viele Entscheidungen im Zustand des Entzugs getroffen
werden und getroffen werden müssen. Das führt dann in der
Konsequenz zu massenhaften Fehlentscheidungen, die noch lange einen
dunklen Schatten werfen können.
Das ist ungefähr so, als ob ein
Heroinsüchtiger auf Cold Turkey – so nennt sich der kalte Entzug
im Drogenjargon – Entscheidungen treffen müsste und man ihm
irgendwelche Dokumente zur Unterschrift über Wohl und Wehe unter die
Nase hält. Das kann nicht gut ausgehen und in zu vielen Fällen geht
es auch nicht gut aus.
Wer sich also in einer akuten
Trennungssituation befindet, sollte keine überhasteten
Entscheidungen treffen und vor allem keine Entscheidungen ohne
Beratung und ohne Beistand treffen.
Alternativen zu Drogen
Alternativen zu Drogen bieten sich bei
anderen Tätigkeiten, bei denen Hormone freigesetzt werden und die
nicht, nicht ganz so schädlich oder sogar gesundheitsfördernd sind
oder einen weiter bringen. Zu diesen Tätigkeiten gehört zum
Beispiel Sport. Beim Sport werden viele Hormone freigesetzt und er
ist sogar in aller Regel gesund. Auch die Nähe zu einem Haustier,
wie einem Hund, kann für die entsprechende Versorgung mit
Bindungshormonen sorgen.
Auf jeden Fall sollte man Acht geben,
dass man nicht vom Regen in die Traufe kommt. Sich in eine neue
Beziehung, die Arbeit oder Drogen zu stürzen, zu flüchten, kann
kurzfristig Kompensation leisten, aber mittel- bis langfristig ist es
in den meisten Fällen eher schädlich als nützlich.
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